Unser Weg zur Hausgeburt


„Wenn man Schwanger ist, ist man nicht gleich krank!“ 

 
Ich weiß nicht genau, wann ich mich entschieden hatte, zuhause zu entbinden. Ich wollte nur eine schöne, schmerzfreie und entspannte Geburt. Eine Geburt, von der andere nur denken "Wow, so eine Geburt hätte ich auch gerne gehabt." Ob die Pandemie und die Kontaktbeschränkung, sowohl im Krankenhaus als auch dann zu Hause ein Grund waren oder mein Urinstinkt, weil schon viele Frauen vor mir ihre Kinder zuhause bekommen haben, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Die Horrorgeburten meiner Mutter waren auf jeden Fall ein Grund, weshalb ich mich genauer zum Thema Schwangerschaft und Geburt informierte und frühzeitig mit Entspannungsübungen und Atemtechniken anfing. Dass mir durch meine Hormone mein Gynäkologe dann unsympathisch wurde, spielte mir auch sehr gut in die Karten, denn so wurde mein Wunsch nach einer alternativen Betreuung nur noch verstärkt. Die Hebammen vom Geburtshaus und das Buch "Hypnobirthing" von Maria F. Mongan stärkten meinen Willen und meinen Wunsch nach einer Geburt in vertrauter Umgebung umso mehr. Ich las sehr viele Bücher zum Thema Geburt und schaute mir zahlreiche Geburten online an und las positive Berichte zu (Geburts-)Hausgeburten. Mein Mann war von Anfang an meiner Seite und meinte nur "Das ist dein Körper und du musst wissen, was dir gut tut. Ich bin nur dein Begleiter." Die Familie meines Mannes, in der es selbst schon eine Hausgeburt gab, unterstützte unseren Wunsch. Seine Oma sagte sogar "Wenn man schwanger ist, ist man nicht gleich krank!". Meine Intension von diesem Satz: Wenn man krank ist, geht man zu einem Arzt. Wenn man schwanger ist, freut man sich auf den Nachwuchs.
Meine Familie war komplett Kontra "Du träumst zu viel vom Guten, eine Hausgeburt kann nur schief gehen.", "Wir haben alle in der Klinik entbunden und Ihr seid alle was geworden!" und natürlich "Wenn etwas passiert, ist kein Arzt zur Stelle, was macht ihr dann?" Auch unsere Antworten, wie "Die Hebamme hat schon viele Kinder vor mir auf die Welt begleitet." und "Der weibliche Körper macht das schon seit Jahrhunderten und da ändert sich nichts." oder "Wir wohnen nur 10 min Fahrtweg von den zwei besten Krankenhäusern entfernt, falls etwas sein sollte." und "Das Telefon ist schnell gezückt und der Krankenwagen muss sich nicht an rote Ampeln halten..." Es war ein Drama bis zum Ende, aber wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich habe sehr oft von der Geburt geträumt und habe mich sehr sicher gefühlt. Ich wollte diese Geburt zuhause, im Warmen, bei Kerzenlicht, mit meiner Lieblingsmusik und vor allem mit meinem Mann an meiner Seite.

Meine Schwangerschaft verlief komplett ohne Komplikationen. Ich hatte eine Vorderwandplazenta und unser Kind lag bis zur Schwangerschaftswoche 39+0 in Beckenendlage kurz BEL (Po nach unten und Kopf an meinen Rippen). Was ich erst im Nachhinein von Sarah Schmidt und ihrem Buch "Alleingeburt" erfahren konnte, war der Fakt, dass Kinder der Plazenta zugewandt liegen und viele Kinder in BEL oder Querlage (Weder Po noch Kopf liegt im Becken der Mutter, Po liegt auf einer Seite vom Rippenbogen, Kopf auf der anderen Seite) sich kurz vor Geburt drehen, auf natürliche Art und Weise. Unser Baby tat dies auch und unserer geplanten Hausgeburt stand nichts im Wege.

In der Schwangerschaftswoche 40+6: Nach vielen Spaziergängen, Himbeerblättertees, Ingwershots und Ablenkung von Schwägerin und Mann, kamen die ersten Wellen gegen 13 Uhr. Diese Wellen waren Intensiv, schmerzhaft und unerwartet (Ich verwende das Wort Wellen lieber als Wehen, weil diese mit unterschiedlicher Intensität beginnen und schnell wieder abklingen, wie Wellen am Strand). Ganz anders als ich es mir vorgestellt und gewünscht habe. Ich spielte, ohne mir Gedanken zu machen, weiter Karten und irgendwann meinte die Schwester meines Mannes "Also ich weiß ja nicht, ab wann ihr die Hebamme rufen sollt, aber die Wehen sind jetzt alle 4 Minuten". PANIK! Was wurde noch gleich im Rückbildungskurs gesagt? Wir hatten nicht richtig zugehört, weil es nur um Krankenhausgeburten ging... Wir installierten schnell eine Wehenapp, welche schnell piepte und vermerkte ‚Sie sollten jetzt ins Krankenhaus fahren!‘ Wir riefen unsere Hebamme an, sie kam und wir veratmeten, machten verschiedene Übungen und sie massierte mir mein Kreuzbein. 6 h später, nach ihrem ‚Befehl‘ zu pressen und meiner Antwort:"Ich kann nicht, wir sind noch nicht soweit", schaute sie nach. 4 cm ... danke für nichts! Ich bekam einen natürlichen Wehenhemmer und durfte schlafen. Nach 2 h Schlaf schickten wir sie nach Hause, da unsere liebe Hebamme auf der Couch ruhte. Nächster Tag (SSW 41+0) gegen 3 Uhr früh und im Rufbereitschaftsdienst meiner Wunschgeburtshebamme bekam ich die Zeichnung (Abgang des Schleimtropfs). Nun war ich soweit, auch in Gedanken. Wir riefen an, sie machte sich auf den Weg. Ich legte mich nochmal hin und veratmete. Diese Wellen waren viel intensiver und tiefer als zuvor. Durch Schneetreiben, -18°C und fehlendem Winterdienst, kam unsere Hebamme erst gegen 8 Uhr statt wie am Telefon gesagt 4 Uhr. Ich bewegte mich hin und her. Mein Mann drehte zum 20. mal die Schallplatte um und wiederholte zum 100. mal unsere Affirmation "Du machst das super!", "Du bist einer starke und unabhängige junge Frau!", "Unser Kind ist dein bester Begleiter auf eurem Abenteuer Geburt" und "Wir werden dich bald kennenlernen, bleibt stark!"

Ich konnte nicht mehr und die Hebamme machte die Fruchtblase auf, sonst wäre unser Baby wahrscheinlich als Glückshaubenträger geboren. Grünes Fruchtwasser war zu sehen. Den Stressauslöser dafür verantworte ich mir selbst. Ich hatte mich aus der Ruhe bringen lassen. Von meiner Schwägerin, die mitfühlend meinte, wir sollten die Hebamme kontaktieren und meiner ersten Hebamme, welche meinen Wunsch respektierte, erst sehr spät nach dem Muttermund zu sehen... 

 Die Fruchtblase war auf und ich saß in gewünschter Gebärposition auf dem Gebärhocker. 9.32 Uhr kam unser Baby zur Welt. Wir waren überwältigt, glücklich und voller Energie. 

"Es ist ein Junge! Willkommen auf der Welt!" 

waren meine ersten Worte. Unser Sohn hatte ein Hämatom auf der Stirn, weil er sich bis zuletzt, der Vorderwandplazenta zugewandt, auf die Reise begeben hatte und in Sternguckerposition das Licht der Welt erblickte. Normalerweise schauen Kinder, durch das viele Drehen im Geburtskanal, nach hinten, wenn sie geboren werden. 

 "(...)Ein Baby, das so liegt, zu gebären, hat schon so manchen Hausgeburtstraum platzen lassen, weil eine große Ausdauer nötig ist. Eine solche Geburt ist häufig länger, anstrengender(...)" 

[Sarah Schmidt, mein privater Mutterpass, Kapitel Sterngucker]. 

Und wir haben es geschafft! Meine Wunschgeburt wurde durchgezogen und bis auf die unerwarteten intensiven Schmerzen, war es meine absolute Traumgeburt! 

 Wir legten uns in Bett und warteten auf die Nachgeburt. Ich hatte keinerlei Geburtsverletzungen und unser Kind war rosig und groß. Leider konnte ich ihn nicht richtig in die Arme nehmen, weil die Nabelschnur sehr kurz war. Die Nachgeburt war eine schmerzhafte Welle. Die Plazenta war geboren, vollständig und riesig. "Die scheint ja deine komplette Bauchdecke eingenommen zu haben." sagte unsere Hebamme und zeigte uns den Lebensbaum, welchen unser Sohn anschauen durfte. Faszinierend mit der Nabelschnur als Baumstamm und den Adern als Astwerk. Wahnsinn, dass dieses Organ unseren Sohn beschützt hat. 

 Wir kuschelten und ich versuchte unseren Sohn mit aller Mühe zu stillen. Ich wollte ihn stillen, so oft und viel wie möglich. Doch durch das grüne Fruchtwasser und der Wahrscheinlichkeit, dass er welches getrunken hatte, hatte er keinen Appetit. Ich war verwirrt, traurig und hatte große Schuldgefühle. Die Hebamme ging zur Apotheke und besorgte Traubenzuckerlösung, für mich und unseren Sohn. Mithilfe einer 2mg-Spritze (ohne Nadel!) und dem kleinen Finger fütterten wir ihn. Ich hatte Angst, dass wir doch ins Krankenhaus müssen. Mein Mann kaufte flüssige Pre-Nahrung und unsere Hebamme erklärte, dass wir nicht aufgeben sollen, ihm die Brust anzubieten. 4 Tage gab es Pre-Nahrung und Traubenzuckerlösung, 10 Tage wurde abgepumpte Milch gegeben. Nach dem Kauf eines Stillhütchen, klappte das Stillen mit großer Mühe. Ich gab nicht auf, denn ich wollte stillen. Ich wollte unserem Sohn nur das Beste und Natürlichste bieten! 

 Mit drei Monaten, hatten wir es endlich raus. Das Stillen klappt nach wie vor ohne Komplikationen und Stillhütchen. Wir lieben und genießen die intime Zeit zu zweit. Der Große ist mittlerweile 10 Monate und ein starker Junge geworden. Ich bin stolz auf unser Abenteuer Hausgeburt und unser Erfolg beim stillen. Ich werde ihn so lange stillen wie er mag und wenn es bis zu seinem 18. Geburtstag ist ;) 

 Meine Mutter ist sehr stolz auf uns und erzählt jedem, wie toll unsere Hausgeburt war. Meine Großeltern sind immer noch der Meinung, dass es pures Glück war und wir froh sein können, dass nichts passiert ist. Und das sind wir auch, denn bei -18°C und 40 cm Neuschnee hätte ich keine Lust gehabt, mich anzuziehen und irgendwo hin zu fahren. Mir gefiel es sehr gut in meinem Eva-Kostüm. Die Hausgeburt war die beste Entscheidung unseres Lebens und die nächsten Kinder werden definitiv auch zuhause geboren! 

 Wenn Ihr spürt, dass Ihr alternativ gebären möchtet und/oder eine andere Schwangerschaftsvorsorge wünscht, dann hört auf Eure innere Stimme! Nur Ihr selbst wisst am besten, was Euch gut tut und für Euer Wohlergehen sorgt. Euer Kind und Euer zukünftiges Ich werden Euch danken. Habt Vertrauen in die Natur und den Körper Frau! 

 Viel Erfolg und viel Mut wünscht euch, 
Julia

 (junge Mutter und Hausgeburtserfahrene)


Geburtsbericht von 2021